Farbmausböcke aus dem Notfall Chemnitz

Austausch über Farbmausböcke und die Möglichkeit der Kastration
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Liese
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Farbmausböcke aus dem Notfall Chemnitz

Beitragvon Liese » Samstag 18. Juli 2015, 10:16

Darum ist es wichtig, dass Farbmausböcke vor dem ersten Ausbrechen von Aggressionen kastriert werden.


Ihr Lieben, Wo geht es denn aber lang, wenn Großnotfällen, die ja oft sowohl einige männliche erwachsene als auch viele weibliche erwachsene Mäuse beinhalten, tierschutzorientiert bewältigt werden sollen. Liebe Foris, räumt ihr solchen Mäusen eine Chance - nicht nur Überlebenschance sondern die Chance auf Lebensqualität ein?

So eine "Gruppe" besteht bekanntlich aus gestressten und verletzten erwachsenen Mäusemännchen. Jeder Mäuserich benötigt ab sofort sein eigenes Domizil, oder nicht? Nun kann es ein zwei Wochen oder auch länger dauern, bis wenigstens einige der Mäuseriche wieder gesund, die Verletzungen abgeheilt sind und der Stress weg ist. Erst dann kann ich ja überhaupt an Kastrationen denken. Aber nach den Kastrationen werden diese Mäuseriche doch auch weiterhin einzeln sitzen und ihr eigenes Domizil haben müssen ... über die Zeit der Heilung der Kastrationswunde hinaus !! Denn das geschlechtliche und stark territoriale Verhalten erwachsener Farbmäuseriche wird sich infolge von Kastrationen doch nicht binnen weniger Wochen oder Tage gravierend ändern.

Ich sehe nur den Weg, wo die Mäuseriche WocheN später behutsam und einer nach dem anderen zu einer Gruppe weiblicher Farbmäuse "gesetzt" werden. So ein Weg ist sehr lang, er benötigt viele gute Käfige (einzelhafttaugliche) für viele Wochen; wer ging diesen Weg? Wer rettete erwachsene spät kastrierte Mäuseriche am "Stück" und schaffte es, sie mit Weibchengruppen zu vergesellschaften. Das Leben eines Farbmäuseriches ist fast verstrichen, wenn dieser in einer Gruppe ankommt.

Grüße von Liese,
die der aktuelle mittelgroße Farbmäusenotfall in Chemnitz sehr bewegt.

Ich weiß nicht, wie ich mich da helfend einbringen könnte. Es scheint alles so aussichtslos. Ich sehe im Geiste schlimm verletzte Mäuseriche, Mäuseriche, die infolge von Kastrationen sterben, verletzte, nicht kastrable Mäuseriche, die dort im TH euthanasiert werden. Wenngleich ich den Ausweg nicht kenne, möchte ich das massenhafte euthanasieren der erwachsenen Mäusemännchen aus solchen Notfällen eigentlich nicht unterstützen.

Grüße

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Re: Farbmausböcke kastrieren – warum?

Beitragvon Kenshin » Samstag 18. Juli 2015, 13:12

Hallo Liese,

woher beziehst du diese größtenteils falschen Informationen?

Wer sich versteht, bleibt zusammen, geht zusammen zur Kastration und erlebt die Quarantänezeit gemeinsam. Bei Streit kann man mit entsprechender Unterbringung reagieren. Getrennt werden muss, wenn der Stress zu groß wird. Sind unkastrierte Farbmausböcke, die sich untereinander nicht verstehen, parasitenfrei (sie werden entsprechend behandelt), werden sie in der Regel schon vor ihrer Kastration mit kastrierten Jungs vergesellschaftet. So gehen sie mit der Sicherheit der Gruppe in die Kastration und haben weniger Stress als die als Einzeltier in Isolation hätten.


Bei Großnotfällen ist das nicht anders. Im Fall Chemnitz sind es vergleichsweise wenige Tiere und der Notfall sollte, wenn man ihn gewissenhaft angeht, gut händelbar sein. Bei Großnotfällen gibt es meistens mehrere hundert Mäuse. Wer mit Böcken zu tun hat, kann auch schwierige Tiere ohne große Probleme wuppen.

Die Todesrate bei Kastrationen ist gleich null - natürlich muss der Tierarzt erfahren sein und das Tier gesund und nicht zu alt.

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Re: Farbmausböcke kastrieren – warum?

Beitragvon Liese » Samstag 18. Juli 2015, 23:25

Hallo,
du kommentiertest so, als würde es im Heimtieralltag harmonische Gruppen aus potenten männlichen Farbmäusen geben. Eins weiß ich, dass
ein erwachsenes Farbmausmännchen nach Ablauf der Kastrationsquarantäne sein Verhalten gegenüber Artgenossen eben nicht längst geändert hatte. Nach einer Spätkastration des erwachsenen Mäusemännchens waren es die Nebennieren, die die androgenen Hormone bildeten und auch ins Blut gaben. Von einer gravierenden Änderung des Verhaltens unserer Mäusemännchen binnen kurzer Zeit infolge von Spätkastrationen kann doch nicht die Rede sein. Das würde ich nicht erwarten.
Ich rede immer noch über die Farbmäuse, die verletzt und zerbissen aus Notfällen und gemischten Gruppen hervor gingen. Wie und mit wem sollen diese vergesellschaftet werden und was für Gruppen sollen sie bilden? Ich habe deinen Kommentar immer noch nicht verstanden.
Gruß

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Re: Farbmausböcke aus dem Notfall Chemnitz

Beitragvon Kenshin » Sonntag 19. Juli 2015, 13:39

Die Postings wurden abgetrennt und ein neuer Thread eröffnet, weil sie s sich inhaltlich vom Ursprungs-Infothread unterscheiden und einen bestimmten Fall betreffen. =)

Zuallererst: Alles, was hier zu unkastrierten Farbmausböcken steht, beschreibt den Umgang mit den Tieren vor ihrer Kastration. Die Kastration ist immer das eigentliche, oberste Ziel, entsprechend des Threads Farbmausböcke kastrieren – warum?.

Hallo Liese,

du fragtest nach unserem Vorgehen, nicht nach dem, was die Allgemeinheit tut – Tierheime, Privatpersonen, oder, oder. Genau dieses habe ich erläutert. Als auf Mäuse spezialisierter Tierschutzverein unterscheiden wir uns in unserem Vorgehen von der Heimtierhaltung und vom Tierheim. Wir bereiten Tiere auf einen Neustart ins Leben vor. Wir halten sie nicht aus Jux und Dollerei oder lagern sie in Regalen, um sie bei Interesse hervorzuholen.


Zu der dir berichteten Erfahrung mit dem Einzelböckchen (dein zweites Posting):

Von einem einzelnen Farbmausbock auf alle Mäuse zu schließen, ist schlicht unmöglich.

Es gibt Farbmausböcke, die Zeit ihres Lebens mit unkastrierten Farbmausböcken harmonisieren. Es gibt Böcke, die in Weibchengruppen leben und nie Nachwuchs zeugen. Es gibt Böcke, die vor der Kastration hochgradig aggressiv sind und tags drauf zu Lämmchen werden.

Wie der Mensch, so ist auch jede Maus anders. Und nicht jeder mag jeden – auch bei Mäusen gibt es persönliche Differenzen. Die Maus ist natürlich sehr viel enger mit den natürlichen Instinkten verhaftet als wir Menschen – dementsprechend kann es sogar sein, dass eine Kastration den Charakter des Tieres beeinflusst. Trotzdem spielen viele weitere Faktoren im Mäuse-Sozialverhalten eine Rolle, vom Sozialisierungsgrad über prägende Erlebnisse/Traumata bis hin zu Alter und Konstitution.

Jeder ist einmalig und sollte immer als einmaliges Individuum betrachtet werden.

Nach deiner Beschreibung kennst du das Tier persönlich nicht genau (sehe ich das richtig?): sein genaues Verhalten beim Kontakt zu anderen Tieren, seine Vergangenheit/Lebensumstände (unten beschreibe ich den Fall eines „aggressiven“ Einzelmäuschens, dessen Verhalten nicht hormonell bedingt ist – auch wenn das gern jeder glaubt), seine Ernährung, seinen Charakter, die Vergesellschaftung- und Resozialisierungsmethoden (Waren sie auf das Tier abgestimmt oder wurden sie nur per se wie im Lehrbuch durchgeführt?), die verabreichten Medikamente (Verträglichkeit), Alter und Charaktere der Artgenossen, den Gesundheitszustand aller beteiligten Mäuse etc. – inwieweit bist du über diese Faktoren in Kenntnis gesetzt worden ,sodass du dazu in der Lage bist, daraus Rückschlüsse auf die Frage zu führen, ob das Tier nicht resozialisierbar ist?
All diese Faktoren müssen einzeln und für sich betrachtet werden – eine Pauschalisierung/Verallgemeinerung aufgrund eines Berichts über einen Einzelfall ist hochgradig gefährlich! Du sprichst von Lebewesen.

Ein Untersuchungsergebnis, wie du es beschreibst, ist, soweit mir bekannt ist, an einer lebenden Farbmaus nicht sicher diagnostizierbar. Man kann einer Farbmaus kein Blut abnehmen – die Abnahme der für eine Untersuchung erforderlichen Menge würde das Tier in Lebensgefahr bringen. Somit kann man ihr Blut nicht auf die über die Nebennieren gebildeten Hormone untersuchen. Die gestellt Diagnose bzgl. der körperlichen Anomalie der Maus bleibt eine Vermutung.

Zu deinem ersten Posting:

In dem Infothread, in dem du gepostet hast, wird über die Notwendigkeit der Kastration von Farbmausböcken in der Heimtierhaltung informiert. Die Leser werden dazu angehalten, ihre Tiere bereits vor den ersten Streitigkeiten zu kastrieren. Nirgendwo wird eine harmonische Haltung unkastrierter Farbmausböcke beschrieben. Unkastrierte Farbmausböcke können nicht, bzw. nur in seltensten Ausnahmefällen, artgerecht in Gruppen gehalten werden. Unser oberstes Ziel bzgl. Farbmausböcken ist die Aufklärung über die zwingend notwendige Kastration:
Unkastrierte Farbmausböcke

Die Farbmausnatur sagt: Nur ein toller Mäuserich darf Nachwuchs zeugen. Farbmausböcke, die die Geschlechtsreife erreicht haben, bekämpfen einander bis zum Tod. Manche Mäuse beginnen Streitereien im Kindesalter, andere sind bereits erwachsen. Dabei ist irrelevant, ob Weibchen in der Nähe oder die Böcke verwandt sind.

Farbmausböcke markieren außerdem ihr Revier, was bei den meisten Böcken unerträglich stinkt. Jede Gehegereinigung wird mit heftigerem Markieren abgestraft.

Aus diesen Gründen werden Farbmausböcke kastriert. Nach der Kastration verschwinden Geruch und Aggression. Farbmausböcke können in gleichgeschlechtlichen Gruppen oder in Gruppen mit Weibchen gehalten werden.
Ihr Lieben, Wo geht es denn aber lang, wenn Großnotfällen, die ja oft sowohl einige männliche erwachsene als auch viele weibliche erwachsene Mäuse beinhalten, tierschutzorientiert bewältigt werden sollen. Liebe Foris, räumt ihr solchen Mäusen eine Chance - nicht nur Überlebenschance sondern die Chance auf Lebensqualität ein?
Aus deinem zweiten Posting:
Ich rede immer noch über die Farbmäuse, die verletzt und zerbissen aus Notfällen und gemischten Gruppen hervor gingen. Wie und mit wem sollen diese vergesellschaftet werden und was für Gruppen sollen sie bilden? Ich habe deinen Kommentar immer noch nicht verstanden.
Meine vorrangige Aufgabe für den Mäuseasyl e.V. ist die Betreuung genau dieser Tiere. Ich kann mich nur wiederholen:

Wer sich versteht, bleibt zusammen, geht zusammen zur Kastration und erlebt die Quarantänezeit gemeinsam. Bei Streit kann man mit entsprechender Unterbringung reagieren. Getrennt werden muss, wenn der Stress zu groß wird. Sind unkastrierte Farbmausböcke, die sich untereinander nicht verstehen, parasitenfrei (sie werden entsprechend behandelt), werden sie in der Regel schon vor ihrer Kastration mit kastrierten Jungs vergesellschaftet. So gehen sie mit der Sicherheit der Gruppe in die Kastration und haben weniger Stress als sie es als Einzeltier in Isolation hätten.

Zusatz zu deinem zweiten Posting: Ist eine frühzeitige Resozialisierung der Tiere, die aus Gruppen herausgenommen wurden, nicht möglich, werden sie als Solotiere kastriert und nach der Kastration resozialisiert und in Gruppen eingegliedert. Meist können sie schon wenige Stunden bis Tage nach der Kastration ins Resozialisierungsprogramm starten und sind nur wenige Tage alleine.

Behandlung von Einzelböckchen bei uns (zu deiner Kernfrage):
- Aufnahme, Gesundheitscheck
- Wenn notwendig: Gesundheitsquarantäne (Behandlung aller Krankheiten [meist Atemwegsinfektion]/des vorhandenen Parasitenbefalls [meist Würmer])
- Resozialisierung
- Kastration
- Kastrationsquarantäne (5 Tage Antibiotikum und Haltung auf Zellstoff, bzw. letzteres so lange, bis die Kastrationsnarbe nicht mehr nässt)
- Vermittlung (z.B. zu kastrierten Böckchen oder nach drei Wochen auch zu Weibchen)
So eine "Gruppe" besteht bekanntlich aus gestressten und verletzten erwachsenen Mäusemännchen. Jeder Mäuserich benötigt ab sofort sein eigenes Domizil, oder nicht? Nun kann es ein zwei Wochen oder auch länger dauern, bis wenigstens einige der Mäuseriche wieder gesund, die Verletzungen abgeheilt sind und der Stress weg ist. Erst dann kann ich ja überhaupt an Kastrationen denken. Aber nach den Kastrationen werden diese Mäuseriche doch auch weiterhin einzeln sitzen und ihr eigenes Domizil haben müssen ... über die Zeit der Heilung der Kastrationswunde hinaus !! Denn das geschlechtliche und stark territoriale Verhalten erwachsener Farbmäuseriche wird sich infolge von Kastrationen doch nicht binnen weniger Wochen oder Tage gravierend ändern.
Mich interessiert sehr, wo das Märchen "So eine 'Gruppe' besteht bekanntlich aus gestressten und verletzten erwachsenen Mäusemännchen." herkommt. Bei Großnotfällen und auch bei kleinen Notfällen – gelegentlich werden Böcke wegen ihrer Streitigkeiten ins Tierheim abgeschoben – gibt es immer wieder auch gestresste und zerbissene Tiere. Meist hält sich das Problem in für die tierische Gesundheit akzeptablen Grenzen, sodass die Mäuse nicht getrennt werden müssen.

Besonders bei Großnotfällen sind die Böcke sozialer veranlagt als z.B. bei Zooladentieren. Aus einem einfachen Grund: Sie sind in der Gruppe aufgewachsen und haben die gesamte Prägungs- und Sozialisierungsphase, die bei Farbmäusen mindestens die ersten acht Wochen ihres Lebens dauert, durch mehrere Generationen – Mütter, Väter, Omas, Opas, Cousins, Cousinen, Onkel, Tanten … – erfahren. Das mindert den Aggressionsgehalt gegenüber männlichen Artgenossen, denn Erziehung spielt hier eine große Rolle – beim Menschen sit das nicht anders: lasse ein vierjähriges Kind mit anderen Vierjährigen oder gar allein von allen Erwachsenen isoliert aufwachsen und du wirst im Jugendlichen- und/oder Erwachsenenalter Verhaltensauffälligkeiten finden. Lässt du ein Kind innerhalb eines Mehrgenerationenhaushalts aufwachsen, in dem es Respekt und Anstand lernt, ist die Chance größer, dass es nicht oder nur bedingt verhaltensauffällig wird. Voraussetzung dafür ist natürlich – sowohl bei Maus als auch bei Mensch – dass die Generationen irgendwann ordentliches Sozialverhalten gelernt oder sich infolge des Zusammenlebens beigebracht haben. Hier gilt auch: Sind Eltern und Großeltern schräg drauf, geben sie das in der Erziehung an die Kids weiter (zusätzlich zur „schrägen“ DNA).

In den letzten Jahren haben wir viele Großnotfälle mit oft mehreren hundert Mäusen pro Notfall betreut. Die Mäuse brachten wir in charakterlich aufeinander abgestimmten Gruppen und ihren Eigenschaften entsprechenden Gehegen unter. Wer nett miteinander umging, hatte viel Platz und Inventar, wer aus Langeweile stritt, bekam vermehrt Abwechslung. Die Tiere wurden, wenn sie aggressives Verhalten aufgrund fehlender Sozialisierung oder der Hormone zeigten, frühzeitig in kleinere Gruppen aufgetrennt, sodass es gar nicht erst zu blutigen Auseinandersetzungen kam.

Mitunter bekommen wir Farbmäuse, die einander bereits zerbissen haben – um diese Fälle dreht sich deine Kernfrage. Diese Mäuse vergesellschaften wir – wie oben beschrieben – vor ihrer Kastration mit kastrierten Farbmausböcken, damit sie Anschluss finden, der Isolation entkommen und das artgemäße Gruppenleben schnellstmöglich wieder genießen können.

Auch kommen Halter nicht kastrabler Solo-Farbmausböcke (durch ihr Alter, Krankheit oder eine Behinderung) auf uns zu. Wir vergesellschaften die Böckchen, mit kastrierten Böckchen. Im Anschluss ziehen sie mit ihren neuen Kameraden in ihr altes Zuhause zurück.

Das alles ist möglich, wenn man ein bisschen Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen und Erfahrung hat. Viele Vergesellschaftungen scheitern an Fehlinterpretationen der Mäusesprache durch ihren Menschen, durch fehlerhafte Vergesellschaftungsmethoden (nicht auf die Tiere abgestimmt) oder das Aufgeregtsein des Menschen bei einer Vergesellschaftung. Mitunter werden Tiere zu früh getrennt, nur, wie les Rangeleien gibt – bei der Vergesellschaftung eines unkastrierten Bockes mit kastrierten Artgenossen kann es schon mal hoch hergehen. Hier muss man abwägen können, was für die Tiere akzeptabel, und was untragbar ist.
Die Tiere selber tragen für ein Scheitern meist am wenigsten Schuld.

Als Beispiel für zerbissene Prügelböckchen kann ich dir die vier Farbmausböcke aus dem Tierheim Marburg nennen, die in diesem Jahr zu mir kamen. Bei ihrer Ankunft im Tierheim waren sie bereits arg zerbissen – Privathaltung unkastrierter und schlecht sozialisierter, unterschiedlich alter (zwei adult, zwei juv.) Farbmausböcke in nicht artgerechter Umgebung. Sie wurden als hoch aggressiv eingeschätzt. Das war der Ausgangspunkt.
Das Tierheim trennte die Böckchen, behandelte sie gegen ihre Verletzungen und sorgte für eine Parasitenfreiheit, sodass die Mäuse bei der Ankunft in Hamburg keine Krankheits- und Parasitenquarantäne mehr durchleben mussten. Am Tag ihrer Ankunft habe ich mir die Tiere und ihr Verhalten angesehen, die für sie passenden Artgenossen ausgesucht und noch am Ankunftstag die Vergesellschaftungen begonnen: Jeder Bock lernte jeweils zwei bis drei kastrierte Kollegen kennen.
So konnten sie wieder die Gesellschaft von Artgenossen genießen und ohne Isolationsstress in die Kastration gehen.

Um diese möglichst tiergerechte Form der Quarantäne gewährleisten zu können, muss der Mäusebetreuer alle Tiere sehr genau beobachten, ihre Charaktere einschätzen und dementsprechend handeln können. In Tierheimen und bei Privathaltern ist das oft nicht möglich, da es an Zeit, medizinischer Betreuung, oder auch Fachwissen und Erfahrung fehlt. Dadurch kommt es hier öfter zu Auseinandersetzungen innerhalb der Mäusegruppen. Das Tierheim Marburg beispielsweise ist sehr engagiert und setzt sich für das Wohl der Mäuse mit Nachdruck ein. Da sie den Tieren einen Schnellen Rückstart ins artgerechte Leben geben wollten, sie jedoch nicht vergesellschaften konnten, haben sie sie so gut es geht versorgt und fit an uns weitergereicht, wo sie direkt in Gruppen eingegliedert und im Anschluss kastriert werden konnten.

Einzelböckchen sind bei uns eine Ausnahme. Kommt es in unseren Gruppen zum Äußersten und muss ein Bock einzeln aus seiner Gruppe herausgenommen werden, wird er mit kastrierten Farbmausböcken bekanntgemacht. Diese Vergesellschaftungen erfordern natürlich ebenfalls Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen – der Charakter muss passen und die Reaktionen der Tiere aufeinander richtig interpretiert werden, um ein schnelles harmonisches miteinander zu gewährleisten (wie bei den Marburger Mäusen).
Ich sehe nur den Weg, wo die Mäuseriche WocheN später behutsam und einer nach dem anderen zu einer Gruppe weiblicher Farbmäuse "gesetzt" werden. So ein Weg ist sehr lang, er benötigt viele gute Käfige (einzelhafttaugliche) für viele Wochen; wer ging diesen Weg? Wer rettete erwachsene spät kastrierte Mäuseriche am "Stück" und schaffte es, sie mit Weibchengruppen zu vergesellschaften. Das Leben eines Farbmäuseriches ist fast verstrichen, wenn dieser in einer Gruppe ankommt.
Hier fände ich es auch interessant, woher du diese Informationen beziehst. Sie sind – kurz gesagt – kompletter Blödsinn. Der von dir beschriebene Weg ist unsere tägliche Arbeit und nie erleben wir dein erläutertes Horrorszenario.

Farbmausböcke sind drei Wochen nach ihrer Kastration nicht mehr potent und können zu Weibchen. Zudem können sie meist schon lange vorher mit männlichen, kastrierten Artgenossen vergesellschaftet werden – oftmals schon vor ihrer Kastration. Niemals muss eine Farbmaus alleine leben, es ist kein sehr langer Weg.

Im Vergangenen Jahr hatte ich nur einen einzigen älteren Farbmausbock (er konnte nicht kastriert werden), der insgesamt drei Monate für eine Resozialisierung brauchte. Er war ein Langzeitsolo aus dem Hamburger Tierschutzverein, der bekanntermaßen wenig Einsatz für Farbmäuse zeigt: Isolationshaltung, kaum bis keine tierärztliche Behandlung, keine Beschäftigung mit den Charakteren, keine Kastration.
Die Maus war ein Tierheim-Süderstraße-Klassiker: Sie in ein 60er Aquarium gesetzt und über mehrere Monate sich selbst überlassen. Der Bock war angeblich aggressiv und bissig. Eigentlich hatte er nur zwei wirkliche Probleme:
1) Er lebte in völliger Isolation – kein Lebewesen leistete ihm über Monate Gesellschaft, es gab keine sonstige Abwechslung. In Menschenzeit wären es mehrere Jahre in kompletter Abgeschiedenheit in einem fensterlosen Fünf-Quadratmeter-Zimmer mit Bett, Stuhl, Tisch und Eimer für die Notdurft gewesen. Täglich steht etwas Neues zu Essen auf dem Tisch. Das war’s.
2) Infolge des Alleinseins fing er an, die Hand zu beißen, wenn er sie bei der Futtergabe bemerkte. Da er blind war, konnte er sie nicht sehen und wehrte sich aus Angst.
Durch diese beiden Faktoren musste er den Kontakt zu Artgenossen erst wieder lernen. Das Ganze dauerte drei Monate – für Mäuse eine lange Zeit, aber nicht sinnlos. Jetzt lebt der alte Mann schon über ein halbes Jahr quietschvergnügt (und unkastriert) mit seinen vier kastrierten Kollegen zusammen, kuschelt liebevoll mit ihnen und folgt ihnen überall hin. Ab und zu gibt es einer Prügelei um ein Leckerli, denn es sind nun mal Männer.
Das war eine einzige Maus mit langwierigem Resozialisierungsweg bei mehreren hundert Tieren in zweieinhalb Jahren Pflegestelle und der Betreuung vieler großer und kleiner Notfälle.
Ich weiß nicht, wie ich mich da helfend einbringen könnte. Es scheint alles so aussichtslos. Ich sehe im Geiste schlimm verletzte Mäuseriche, Mäuseriche, die infolge von Kastrationen sterben, verletzte, nicht kastrable Mäuseriche, die dort im TH euthanasiert werden. Wenngleich ich den Ausweg nicht kenne, möchte ich das massenhafte euthanasieren der erwachsenen Mäusemännchen aus solchen Notfällen eigentlich nicht unterstützen.
Auch hier frage ich mich: Was ist aussichtslos? Wo sind die schlimm verletzten Mäuseriche? Wo stirbt infolge einer Kastration eine Maus? Wo sind die nicht kastrablen Mäuse? Wann hat das Tierheim sie eingeschläfert?
Beantworte doch bitte diese Fragen, denn ich verstehe nicht, woher du diese Aussagen beziehst.

Um dir sagen zu können, wie du dich einbringen kannst, brauchen wir Infos dazu, inwiefern Hilfe bei den Chemnitzer Mäusen notwendig ist: Wie viele Mäuse welchen Alters und Geschlechts sind es? Wie ist die Gruppenkonstellation? Gibt es Jungtiere und gibt es kastrierte Farbmausböcke, die Jungböcke nach dem 28. Lebenstag sozialisieren können? Wenn es Einzeltiere gibt, wie viele sind es, wie alt sind sie in etwa? Wie ist die gesundheitliche Konstellation der Tiere? Werden sie tierärztlich betreut, werden sie auf Parasiten (Würmer, Kokzidien, Milben …) getestet und behandelt? Werden gesundheitliche Beschwerden und Verletzungen behandelt? Was wird gebraucht? Was steht bereits zur Verfügung? Hat das Tierheim einen fachkundigen Tierarzt zur Hand?

Zu dir: Wie weit reicht deine Farbmaus-Erfahrung? Was wärst du in der Lage zu tun? Kannst/möchtest du Tiere aufnehmen und versorgen? Möchtest du Quarantänen durchführen? Möchtest du das Tierheim finanziell oder mit Sachspenden unterstützen? Möchtest du das Tierheim bei der Verteilung der Tiere auf andere Tierheime und/oder Tierschutzorganisationen wie den Mäuseasyl e.V., den Nagerschutz oder, oder, unterstützen (z.B. mit der Organisation von Mitfahrgelegenheiten oder die Mäuse selber fahren)?

Am besten informierst du dich, was für Hilfe das Tierasyl dringend benötigt. Dann kannst du entscheiden, was du tun möchtest. Trete mit den Chemnitzern in den Dialog und biete deine Unterstützung an. Sie werden dir sicher sagen, was sie brauchen.

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Re: Farbmausböcke aus dem Notfall Chemnitz

Beitragvon stefanie » Sonntag 19. Juli 2015, 13:40

Liese, glaub' halt denen, die das schon jahrelang machen:

Es lassen sich viele Böcke zusammenhalten, vor und nach Kastra,
(aber eben unter Bedingungen, die man nicht für ein Mäuseleben lang will,)
die hinterher einen Kastratentrupp bilden, der für sich bleiben oder mit Mädels vg werden kann.

Manche fallen raus - wer klug ist, versucht aber die Großgruppen in verträgliche Einzeltrupps aufzuteilen, die dann wieder beieinander bleiben können s.o.

Nachwuchsböckis können nach Trennen von Mama (und Schwestern) oft zu bereits kastrierten oder gar unkastrierten Böcken. Dann kastriert man aus diesen Gruppen halt nur, was reif dafür ist.

Wenn man so lange wartet, bis man lauter zerstrittene einzelne Böcke hat, hat man ein dickes Problem. Die kleineren Probleme vorher lassen sich aber lösen s.o. und damit das dicke oft komplett vermeiden. (Ich mach das seit 12 Jahren, ich saug das nicht ais den Fingern)

*deit: kenshin war gleichzeitig am Tippen - ich muss aber schnell off und kann's nicht lesen - und hab eh geschrieben, dass si enicht als Einzelmeinung dasteht

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Re: Farbmausböcke aus dem Notfall Chemnitz

Beitragvon Kenshin » Sonntag 19. Juli 2015, 14:14

stefanie, du hast's kurz und knapp zusammengefasst. [maus_prost]


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